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DIE DREI LEBEN DER LUCIE CABROL

Nach einer Erzählung von John Berger

Uraufführung

 

Koproduktion mit La Poste Theater Productions, Visp

 

Regie Jordi Vilardaga

Rachel Matter als Lucie Cabrol

Bodo Krumwiede als Jean Lapraz

In vielen weiteren Rollen: Antonio da Silva, Cosima Grand, Eric Rohner,

Jens Schnarre/Dave Striegel, Gabriel Zurbriggen und Hana Bienz

 

Dramatisierung Jordi Vilardaga und Rachel Matter ǀ Bühne Hana Bienz ǀ

Kostüme Stefanie Keller ǀ Choreographie Cosima Grand ǀ Licht Martin Burkhardt ǀ

Maske Doris Lohmann ǀ Dramaturgie, Öffentlichkeitsarbeit Marie-Louise Michel ǀ

Geschäftsleitung, Gestaltung Print Gabi Huber ǀ Dramaturgische Mitarbeit Reinhart Spörri

 

Premiere 8. November 2012, Visp

Zürcher Premiere 6. Dezember 2012, Winterthur

Derniere 6. März 2014, Thun

 

«Die drei Leben der Lucie Cabrol» ist die Geschichte einer Frau, ihres Lebens in seiner Individualität, und zugleich eine Chronik des alpenländischen Daseins in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nüchtern, aber bewegend wird voller Würde, Respekt und Nachsicht von der stigmatisierten Lucie Cabrol erzählt, die ausserhalb der Dorfgesellschaft leben muss. Die Geschichte lässt liebevoll teilhaben an den kleinen Begebenheiten des ländlichen Alltags mit ihren gewöhnlichen, unspektakulären Gemeinheiten.

Mit ausdruckstarker Körperlichkeit und Musikalität, bildhaften Verwandlungen und in einer Sprache gewaltig präziser Schönheit bannt der Theaterabend das Geschehen in einem grossen Bilderbogen auf die Bühne. Es ist eine archaische Erzählung von aussergewöhnlicher Kraft und Poesie, die das Herz weiten und die Gedanken fliegen lässt, ein Appell an die Menschlichkeit in einer unmenschlichen Umgebung.

 

Aufführungsrechte Carl Hanser Verlag, München

 

John Berger, 1926 in London geboren, arbeitete nach dem Kunststudium als Zeichenlehrer und Maler. Seit Jahren lebt er mit seiner Familie unter den französischen Bauern eines kleinen Dorfes in den Bergen Savoyens. Er hat an einigen Filmen des Welschschweizer Alain Tanner prägend als Drehbuchautor mitgewirkt und er machte sich vor allem als Kunstkritiker einen Namen. Mit dem Roman «Auf dem Weg zur Hochzeit» und seiner Trilogie «Von seiner Hände Arbeit» über das Leben der Bauern in den französischen Alpen ist er hier im deutschsprachigen Raum bekannt geworden.

Mit «SauErde», Geschichten vom Lande, beginnt Bergers Trilogie. «Spiel mir ein Lied», Geschichten von der Liebe auf dem Lande, bildet den zweiten Band seines Erzählwerks. Der dritte Band, der Roman «Flieder und Flagge», handelt von zwei Aussenseitern am Rande der Stadt.

 

John Berger ist ein Geschichtenerzähler von aussergewöhnlicher Kraft und Poesie. Seine Bücher, die das Herz weiten und die Gedanken fliegen lassen, sind Ausdruck einer grossen Liebe zum Leben und zu den Menschen. Bei kaum einem Autor haben wir Mitglieder des «Theater Ariane» eine Welt in all ihrem Ausdruck und ihren Intensionen vorgefunden, die unseren Vorstellungen von Theater solchermassen entspricht. «Die drei Leben der Lucie Cabrol» ist die bewegende Erzählung über dieses Frauenleben in seiner Eigenheit, nicht verklärend, romantisierend, noch verachtend.

 

Ich kann mir vorstellen, dass zukünftige Leser einige dieser Geschichten nicht bloss als Rückblick auf Vergangenes lesen, sondern als Beispiele, wie man vielleicht leben könnte.

John Berger

 

Die verschwindende Welt bäuerlicher Kultur wird auf unmittelbare Weise dargestellt. Die Geschichten sind wahr, weil sie nichts verschweigen, nicht die Kargheit, nicht die Strenge, nicht die Einsamkeit der bäuerlichen Lebensweise, nicht die Landflucht und das Vorrücken der Industrialisierung. Dennoch überlebt diese Welt Tag für Tag, getragen von Langmut und Tradition, aber auch von der Gewohnheit, die Existenz durch die Arbeit der eigenen Hände zu sichern und zu erhalten. John Bergers Liebe zu den Bauern hat ihre Wurzeln in der Erkenntnis dieses Widerspruchs. Und er hat eine besondere Fähigkeit, diese Einsicht erzählend zu vermitteln. Seine knappe, die bäuerliche Denk- und Empfindungsweise widerspiegelnde Sprache lässt unmittelbar teilhaben an den kleinen Geschichten des täglichen Lebens. Ein meisterhaftes Porträt ländlichen Lebens in einer Sprache von präziser Schönheit.

 

In dieser Welt stirbt man anders. Es gilt eine andere Zeitrechnung, hier ist das Leben – noch – eingebunden in natürliche Abläufe, und der Tod ist Teil dieses Lebens. Es herrscht die archaische Überzeugung von der gegenseitigen Abhängigkeit der Lebenden und der Toten.

 

«Die Toten umgeben die Lebenden. Die Lebenden sind der Kern der Toten. In diesem Kern sind die Dimensionen von Zeit und Raum beschlossen. Zeitlosigkeit umgibt diesen Kern. … So hingen Lebende und Tote voneinander ab. Immer. Nur eine ausschliesslich moderne Form des Egoismus hat diesen Zusammenhang zerbrochen. Für die Lebenden mit der katastrophalen Folge, dass sie sich die Toten als die Ausgelöschten vorstellen.»

John Berger

 

«Die drei Leben der Lucie Cabrol», die Erzählung, welche die Vorlage zu unserem Theaterstück bildet, ist mit 99 Seiten die ausgedehnteste Erzählung im Band «SauErde».

Sie handelt von der aus dem Dorf ausgeschlossenen, stigmatisierten Lucie Cabrol, die ausserhalb der Gesellschaft leben muss. Ihr «erstes Leben» ist Lucie zuhause auf dem Anwesen der Familie, geht als junge Frau im Sommer auf die Alp, wo sie zwei schöne Liebesnächte mit Jean erlebt. Nach dem Tod der Eltern vertreibt sie Henri, ihr jüngerer Bruder, unter dem Vorwand der Brandstiftung vom elterlichen Hof. So wird sie gezwungen ihr «zweites Leben» in der verlassenen Hütte eines Wegemachers ausserhalb des Dorfes zu verbringen. Hier kommt es nach über vierzig Jahren zu einem Wiedersehen mit dem aus Übersee zurückgekehrten Jean, dem einzigen Menschen, den Lucie zu sich heran zog und liess. Ihm erzählt sie während einer Nacht ihr ganzes Leben, die vergangenen Jahre seit er fortgegangen war. Das «dritte Leben» der Lucie Cabrol ist die Begegnung der Lebenden und der Toten.

 

«John Berger ist einer der bedeutendsten europäischen Schriftsteller seiner Generation, doch weil er in seinen Büchern die Stille bewahrt, der seine Stimme entspringt, weil die Konzentration und Klarheit seines Ausdrucks eher dem ruhigen Spiel eines Samurai im No-Theater gleichen als dem Zotenschlag der Talkshowkönige, finden sie im hysterisierten Abgesang unserer medialen Gegenwart nicht immer die verdiente Aufmerksamkeit.»

Thomas David, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2011